Im Ausschuss für Wirtschaft und Innovation der Stadt Gelsenkirchen wurde am 17.03.2026 ein zusätzlicher Tagesordnungspunkt behandelt, der kurzfristig aufgrund seiner Dringlichkeit aufgenommen wurde: der Feierabendmarkt und eine damit verbundene Sondergenehmigung für Händler. Im Verlauf der Diskussion verwies die Wirtschaftsförderung eher beiläufig auf Überlegungen zu Sicherheitsaspekten. Erst auf die Nachfrage der AfD-Ratsfraktion hin wurde ausgeführt, dass es keine konkreten Anschlagsplanungen gebe, man jedoch die allgemeine Sicherheitslage berücksichtigen müsse – insbesondere vor dem Hintergrund der Vorfälle der vergangenen Jahre in Deutschland. Diese Vorfälle wurden nicht näher benannt. Man kann sich jedoch denken, um welche Art von Vorfällen es sich handelt. Die Gefahrenlage ist damit zwar abstrakt – aber offensichtlich nicht rein theoretisch. Dass Sicherheitskonzepte angepasst werden, geschieht nicht ohne Anlass. Umso irritierender war die anschließende Wortmeldung von Herrn Attila Öner von der SPD, der sinngemäß und vor allem lachend betonte, dass „wir uns hier weiterhin in unserer Stadt sicher fühlen“. Diese Aussage wirkt wie ein bewusster Gegenakzent – und verkennt die Realität, denn sie stellt ein privates Sicherheitsgefühl über eine differenzierte Betrachtung der Lage. Und genau hier liegt das Problem: Wer bereits die abstrakte Gefahrenlage relativiert, blendet erst recht die konkrete Lebensrealität vieler Menschen aus. Und vor allem relativiert er das Leid der Opfer von Magdeburg, Solingen und von vielen anderen Orten, die vom (islamistischen) Terror heimgesucht wurden. Außerdem bemisst sich Sicherheit an sich nicht nur an großen, seltenen Ereignissen. Sie zeigt sich vor allem im Alltag. Und dort sieht die Realität für viele – insbesondere für Frauen – anders aus. Seit 2015 spüren Frauen eine starke Veränderung im öffentlichen Raum. Situationen, in denen sie sich von bestimmten Personen unangenehm beobachtet oder generell unwohl fühlen, haben dazu geführt, dass sie ihr Verhalten angepasst haben: abends nicht mehr alleine rausgehen und andere Wege als früher nehmen. Aktuelle Studien zeigen, dass rund 80 % der Frauen in Deutschland bestimmte Orte nach Einbruch der Dunkelheit gezielt meiden. Es entstehen sogenannte Angsträume – auch in unserer Stadt. Das hat Konsequenzen: Ein Teil der vermeintlichen Sicherheit entsteht schlicht dadurch, dass potenzielle Opfer den öffentlichen Raum zunehmend meiden. Wo weniger Menschen präsent sind, sinkt logischerweise die Zahl der Übergriffe – doch das ist kein Ausdruck tatsächlicher Sicherheit, sondern veränderter und aufgezwungener Nutzung. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Zahlen eine klare Entwicklung: Während die Gesamtkriminalität leicht zurückgeht, nimmt die Gewalt im öffentlichen Raum zu. Straßenkriminalität steigt, ebenso Raubdelikte und Sexualstraftaten. Hinzu kommen konkrete Vorfälle der letzten Jahre, die das Sicherheitsgefühl zusätzlich prägen. All das passt nicht zu der pauschalen Aussage, man fühle sich „weiterhin sicher“. Unser Punkt ist nicht, Angst zu schüren. Unser Punkt ist auch nicht, die Lage dramatischer darzustellen, als sie ist. Unser Punkt ist ein anderer: Politik darf Wahrnehmung und Realität nicht gegeneinander ausspielen.
